KZ-Gedenkstätte Flossenbürg

Neukonzeption und Neugestaltung der KZ-Gedenkstätte Flossenbürg
Auslober: KZ – Gedenkstätte Flossenbürg
Team: Gerd Fleischmann, Konstantin Pichler, Jochem Kastner, Sofia Pachiadakis, Marian Stoll
eingeladener Wettbewerb 2005
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Das KZ Flossenbürg war in den letzten Wochen aus Anlass des sechzigsten Jahrestages der Befreiung kurz in den Medien. Vor Ort sind die Ausmaße des ehemaligen Konzentrationslagers, der Zwangsarbeit und der Leiden kaum mehr zu erkennen. Das Gelände wurde nach 1945 zum großen Teil überbaut und neu genutzt. Einiges davon ist inzwischen wieder zurück gebaut worden. Der Ort Flossenbürg hat sich über das KZ hin ausgedehnt. Die Größenverhältnisse, die das Luftbild vom 23. März 1945 zeigt, sind auf den Kopf gestellt. Die verschiedenen Gedenkeinrichtungen bis hin zu der Kirche aus Steinen ehemaliger Wachtürme sind selbst schon Geschichte.
Unser Ansatz ist Widerspruch. Einmal zur NS-Geschichte, zum Anderen vielleicht auch zum bisherigen Umgang mit dieser Geschichte. Wir suchen einen neuen Zugang zu dieser Geschichte, zu den Räumen und der gesamten Anlage des KZ und deren Nutzung für eine Ausstellung und pädagogische Maßnahmen.
Weithin sichtbar führt ein ca. 25 m langer Steg neben dem historischen Eingang in das ehemalige Wäscherei-Gebäude. Er schafft eine Sichtverbindung zu dem ehemaligen Kommandanturgebäude, vorbei an dem ehemaligen Lagertor, und konstituiert einen neuen Weg durch das erhaltene Gebäude, das Lager und die Geschichte. Er weist zugleich durch seine Abweichung von der Lagerachse auf das „Tal des Todes und seine Gedenkeinrichtungen. Wir schlagen damit einen Zugang auf den Spuren der Häftlinge vor. Dazu sollte die Position des ehemaligen Lagertores markiert werden.
Die neue Erschließung widerspricht dem Raster des Lagers und erlaubt, die Eingangstüre und die Granittreppe davor historisch getreu wieder herzustellen. An Stelle des Fensters links von der Eingangstüre soll ein neuer Zugang in neuem Ausdruck geschaffen werden im Gegensatz zu der historischen Lager-Architektur.
Der alte Eingang wird seiner Funktion enthoben . Das Haus wird so selbst zum begehbaren Exponat
Das Lagermodell im Maßstab 1: 50 soll als großes, rohes Massenmodell auf den ehemaligen Appellplatz im Wetter stehen: Häftlingsbaracken aus Eisen mit rostiger Oberfläche, Steinbauten aus Granit, SS-Bauten aus geschwärztem Stahl, Bauten im Steinbruch aus Streckmetall und Fertigungshallen aus Aluminium, das mit der Zeit korrodiert, alle aufgeständert auf unbehandelten Stahlscheiben. Dieses große Modell provoziert eine Auseinandersetzung mit der Situation heute und bleibt dem/der BesucherIn als Zeichen im Gedächtnis, wenn er /sie das ehemalige Wäscherei- Gebäude betritt. Das Lager in seiner ,Marschordnung‘ gegenüber den offenbar dem Gelände angepassten Produktionsstätten wird als Bild vom Steg aus eindrucksvoll sichtbar. Detaillierte historische Informationen zur Baugeschichte des Lagers geben Pläne, Medien und Tafeln in der Ausstellung.
Damit werden “ historische Sichtachsen, Sichtbezüge und das ursprüngliche Geländerelief herausgearbeitet“. Die „Überformungen der Nachkriegszeit“ sind ohne Mühe nachvollziehbar – anders als das an einem wesentlich kleineren Modell im Innenraum und durch ein Fenster möglich wäre. Man muss nur von Fall zu Fall den Kopf heben oder drehen, manchmal vielleicht auch das Wetter ertragen.
Einen Ausschnitt des Luftbildes vom 23. März 1945 sollte jede/r BesucherIn als Eintrittskarte aus Karton bekommen. Die Lagerbauten, die im Modell dargestellt sind, werden darin deutlich fühlbar geprägt – das wäre auch ein Anfang für Sehbehinderte.
Gegenüber dem in der bisherigen Planung vorgesehenen Rundgang, der mit dem Lagermodell beginnt und bis zur Befreiung führt, schlagen wir vor, die BesucherInnen da abzuholen, wo sie gerade sind, in der Gegenwart. Dazu sollte der Vorraum Hinweise zur Entwicklung und zum aktuellen Ausbau des ehemaligen KZ Flossenbürg zur Erinnerungs-, Informations- und Gedenkstätte geben. Hier soll auch der Meilenstein „Sauberkeit“ platziert werden. Die Präsentation im eigentlichen Ausstellungsraum beginnt mit der Befreiung, die im Wesentlichen als Stummfilm aus Standbildern mit Texteinblendungen, unterlegt mit Jazz („Niggermusik“ im NS-Jargon, der noch weit in 50-er Jahre der Bundesrepublik hineinreichte) gezeigt wird. Über Kopfhörern mit drahtlosen Empfängern sollen andere Sprachen und vor allem die Sprachen der Opfer wählbar sein. Für diese BesucherInnen kann damit eine Einführung in die gersamte Ausstellung verbunden werden. Die Präsentation führt dann chronologisch zurück bis Flossenbürg vor 1938. Die (neue) Rückwand des Ausstellungsraumes mit einer Kleingruppenzone davor bringt die BesucherInnen zurück in die Gegenwart: Eine wandgroße Europakarte von 1944 zeigt, woher die Häftlinge kamen, eine darüber gelagerte Europakarte mit den Grenzen von heute soll Mut machen für eine friedliche und gewaltfreie Zukunft. Trotz aller Klagen und Probleme, vor allem mit der Ost-Erweiterung der EU, können wir uns glücklich schätzen über das, was wir seit 1945 erreicht haben. Dieses Ziel ist bereits vom Eingang aus sichtbar. Die verschiedenen Sprachen der Opfer geben ein akustisches Bild von Europa.
Leitmotiv für die Präsentation ist neben dem neuen Zugang und der damit verbundenen neuen Achse über das gesamte Gelände die Zarge. Als Durchgang durch Zeitschichten, Zeitfenster, Tor, Rahmen und Abgrenzung gegenüber dem historischen NS-Bestand.
Die Zargen berühren weder Wand noch Decke . Sie stehen frei und „besetzen“ den Raum.
Die Zargen können einzeln stehen, addiert, von innen und von außen als Präsenationsflächen genutzt
und mit flachen oder dreidimensionalen Einbauten versehen werden.
Die Beleuchtung wird im oberen Querholm der Zarge nicht sichtbar integriert. Hierdurch wird erreicht, dass keine Anbauten an der Decke benötigt werden, die der Stimmung im Raum abträglich wäre und ablenkt.
Die Fenster werden transluzent behandelt. Es entsteht eine kontemplative Stimmung, als würde der Blick nach draussen durch eine Staubschicht gefiltert zurückgeworfen. Nur die Sichtachsen auf das Gelände werden gezielt freigehalten und durch zugeordnete Zargen gekennzeichnet.
Das Zargenmotiv wird im Heizungskeller abgewandelt – ähnlich wie in der Ausstellung genutzt – für einzelne Häftlingsbiografien benutzt. Vielleicht ist es auch möglich, zusätzlich einen Zugang zu schaffen durch das enge Treppenhaus an der Süd-Ost-Ecke des Gebäudes, wenn man einen teil des vorgesehenen Haustechnik-Raumes für einen Durchgang abtrennt.
Die tragbaren Sitzgelegenheiten lassen unterschiedliche Sitzhöhen zu. In ihrer eckigen Konstruktion und Härte sollen sie an die kargen Lebensbedingungen im Lager erinnern. Sie nehmen Formen aus dem Steg und den Zargen auf.
Die besondere Topografie des KZ Flossenbürg und der geprägte Plan als Eintrittskarte legen die Überlegung nahe, ob die Gedenkstätte grundsätzlich neben deutschen und englischen (am.) Erläuterungen auch Informationen in Braille-Schrift anbieten sollte.